Seit dem Schuljahr 2012/2013 unterstützen das Land Nordrhein-Westfalen und die Bertelsmann Stiftung Schulen im Umgang mit Heterogenität. Eine der Schulen im Fortbildungsprojekt "Vielfalt fördern" ist die Sekundarschule Hassel in Gelsenkirchen.

Fußballweltmeisterschaft 2014 - Es ist die Woche, in der sich Deutschland in einem eher mäßigen Spiel gegen die USA mit 1:0 ins Achtelfinale "müllert". Fußball ist das beherrschende Thema auf der Straße. Die Leistungen der deutschen Mannschaft lassen zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht darauf schließen, dass das Team von Trainer Joachim Löw später tatsächlich den Weltmeistertitel erringen wird. Die Leistungen von Altan, Esma und Marco* aus der 5a der Sekundarschule in Gelsenkirchen-Hassel sehen da schon besser aus, findet zumindest Klassenlehrerin Nora Anders. Es ist Montagmorgen, zweite Stunde. Auch hier ist Fußball das beherrschende Thema. Konzentriert arbeiten die Schülerinnen und Schüler an ihren Tischen. Vor ihnen liegen Arbeitsblätter. Wer die auf Fußbällen abgebildeten Zahlen richtig addiert, findet heraus, in welchem Lösungstor die Bälle landen. Eine Aufgabe zur brasilianischen Flagge und ein Lückentext vervollständigen die "Fußballwerkstatt" zur Weltmeisterschaft.
Die 5a ist eine "gemeinsame Lernklasse"; vorne stehen Regelschullehrerin Nora Anders und Förderschullehrerin Gabi Biergans. Als Team unterrichten sie die insgesamt 24 Kinder. Fünf davon haben den sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen, eines ist körperbehindert und Joana vorne rechts hat den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Dem außenstehenden Beobachter fällt das nicht auf, auch nicht nach längerem Betrachten. Nur die Integrationshelferin am ersten der vier Gruppentische lässt darauf schließen, dass hier Kinder eine besondere Unterstützung erfahren. In der "gemeinsamen Lernklasse" ist die Bandbreite an Vielfalt maximal. Das erfordert einen differenzierten Blick auf Vielfalt, auf die einzelne Schülerin, den einzelnen Schüler, ihre Kompetenzen und ihre persönlichen Lernvoraussetzungen. Individualität als Ansatzpunkt für erfolgreiches Lernen wird immer mehr und vordringlicher zum Bestandteil pädagogischer Konzepte. Diesen Veränderungen müssen Lehrerinnen und Lehrer Rechnung tragen: Die Sekundarschule Gelsenkirchen-Hassel, die sich derzeit noch im Aufbau befindet, nennt sich "Schule für alle". Vielfalt wird hier groß geschrieben. Was nach Floskel klingen könnte, hat hier Substanz. Wo Kinder mit Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialempfehlung unterrichtet werden, wo auf drei Schulabschlüsse parallel vorbereitet wird, da führt am professionellen Umgang mit Vielfalt kein Weg vorbei.

Ein Fortbildungsangebot, das Wissenschaft und Praxis verbindet

"Vielfalt fördern" ist ein Kooperationsprojekt des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW und der Bertelsmann Stiftung. Seit dem Schuljahr 2012/2013 unterstützt das Projekt Lehrkräfte dabei, den unterschiedlichen Voraussetzungen und Potenzialen der Schülerinnen und Schüler im Unterricht gerecht zu werden. Das geschieht durch modularisierte Qualifizierungen in Schulen ausgewählter Projektregionen. Teamentwicklung, Diagnostik und Didaktik I und II sind die zentralen Säulen dieser Fortbildung, die sich an ganze Kollegien richtet. Unter Leitung von Prof. Christian Fischer von der Universität Münster hat eine Gruppe ausgewiesener Lehrerfortbildnerinnen und Lehrerfortbildner das Qualifizierungsangebot erarbeitet, das auf der Basis der Rückmeldungen aus der Praxis in stetiger Weiterentwicklung begriffen ist. Christian Fischer erklärt, worauf es beim Thema Heterogenität besonders ankommt: "Wenn wir Vielfalt im Blick haben und diese als Chance begreifen, werden Lehrerinnen und Lehrer, die Lernprozesse flexibel steuern und begleiten, immer wichtiger.

Ein breites Instruktionsrepertoire, von der systematischen Vermittlung intelligenten Wissens durch direkte Unterweisung bis hin zur aufmerksamen Beobachtung individueller Lernprozesse und bedarfsorientierter Unterstützung, muss in den Mittelpunkt ihrer Fortbildung gerückt werden." Es ist kurz vor halb zehn. In der gemischten Lernklasse herrscht eine erstaunlich ruhige Arbeitsatmosphäre. "Das ist der Vorteil von individueller Förderung", sagt Lehrerin Gabi Biergans. "Kinder werden am ehesten dann laut und unkonzentriert, wenn die Arbeitsaufgaben für sie unter- beziehungsweise überfordernd sind. Dann beschäftigen sie sich eher mit anderen Sachen und verlieren die Lust." Damit "Lernen auf Niveau" gelingt, erfolgt der Unterricht an der Sekundarschule Hassel binnendifferenziert. Für die Regelschülerinnen und -schüler gibt es drei unterschiedliche Niveaustufen. Die Aufgaben in den Arbeitsblättern und Klassenarbeiten sind entsprechend gegliedert und deutlich markiert.

Umfang und Inhalte der Fortbildung

Für das 18-köpfige Kollegium der Sekundarschule Hassel beginnt nach den Sommerferien das zweite Jahr der Fortbildung "Vielfalt fördern". Die ersten beiden Module "Teamentwicklung" und "Diagnostik" haben die Lehrkräfte bereits absolviert.
Es folgen zwei Module zur Didaktik (siehe Abbildung oben). Für jedes stehen im Schnitt zweieinhalb Tage an Fortbildungszeit zur Verfügung. Die gesamte Qualifizierung umfasst 80 Stunden. Zwischen den einzelnen Bausteinen der Module liegen Praxisphasen, in denen die Lehrkräfte das Erlernte im Unterricht anwenden können. Angeleitet und begleitet werden sie von den Pädagogen Almut Jermann und Gerd Seifert. Die beiden unterrichten an der Gelsenkirchener Gesamtschule Buer-Mitte und sind gleichzeitig auch Moderatoren des regionalen Kompetenzteams für Lehrerfortbildung in Gelsenkirchen.

Teamarbeit und gegenseitige Unterrichtsbesuche

Gleich das erste Modul im Projekt "Vielfalt fördern" soll dazu beitragen, eine verlässliche Grundlage für individuelle Förderung an der Schule zu schaffen: Es geht um Teamentwicklung, denn Unterricht lässt sich nachhaltig nur gemeinsam weiterentwickeln; individuelle Förderung im Team gelingt besser. Dabei wird, wenn möglich, auf bestehenden Teamstrukturen aufgebaut: "Wir praktizieren bereits seit dem ersten Tag Teamunterricht. Trotzdem haben sich die Kolleginnen und Kollegen durch die Fortbildung noch weiter geöffnet", sagt Schulleiterin Gabriele Ulbrich. "Sie bereiten gemeinsam ihren Unterricht vor, tauschen sich über die Lernentwicklung der Kinder im Jahrgang aus. Dadurch können diese viel besser unterstützt und zielgerichtet gefördert werden". Zur Teamkultur gehört auch, dass die Klassentüren geöffnet sind. Gegenseitige Unterrichtsbesuche von Lehrkräften sind längst nichts Ungewöhnliches mehr an der Sekundarschule Hassel. Das war nicht immer so: "Die Möglichkeiten, gemeinsam mit meinen Kollegen den  eigenen Unterricht zu reflektieren oder sich einen Rat zu holen, beschränkten sich früher auf gelegentliche Gespräche im Lehrerzimmer", erzählt Gabriele Ulbrich. "Zwischen  Pausenbrot und Fotokopierer war aber kaum genug Zeit für einen systematischen Austausch." Seit die Sekundarschule Hassel an "Vielfalt fördern" teilnimmt, ist das anders. Kollegiale Unterrichtsbesuche sind ein zentraler Bestandteil der Fortbildung. Das gesamte Kollegium ist daran beteiligt. "Einige Kolleginnen und Kollegen waren erst sehr skeptisch", erinnert sich die Schulleiterin. "Auch ich habe mich anfangs gefragt, ob ich mir so in die Karten schauen lassen will. Aber dann haben wir verstanden, dass bei den Hospitationen nicht auf den gesamten Unterricht eines Kollegen geschaut wird. Wir konzentrieren uns vielmehr auf einzelne Themen, wie zum Beispiel Classroom Management oder die Rhythmisierung in der 60-Minuten-Schulstunde. Es gibt also vorher festgelegte Kriterien und Indikatoren, sodass jeder weiß, worauf man gemeinsam guckt." Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass die Lehrerinnen und Lehrer das Feedbackgespräch, dessen Regeln zuvor gemeinsam erarbeitet wurden, auch als sachliche Rückmeldung annehmen und daraus neue Erkenntnisse und Anregungen ziehen können. In Gelsenkirchen-Hassel ist das Bewusstsein gewachsen, dass regelmäßige Hospitationen sowie die kooperative Arbeit in Lehrerteams Unterricht und Schule wirklich weiterbringen. Gabriele Ulbrich ist zuversichtlich, dass diese Form der Zusammenarbeit auch nach der zweijährigen Fortbildung weiter gelebt wird.

Die Interessen und Potenziale der Schülerinnen und Schüler im Blick

Zentrales Thema im zweiten Modul "Diagnostik" ist die Identifizierung von Potenzialen und Interessen der Schülerinnen und Schüler. Ohne zu wissen, wo eine Schülerin oder ein Schüler im Lernprozess steht und was sie/ihn interessiert, wird es schwierig zu fördern und zu fordern. Im Zentrum dieses Moduls steht darum eine Lerner- und prozessbezogene Diagnostik, die die Diagnosefähigkeiten von Lehrkräften ausbaut und die Schülerperspektive in den Prozess mit einbezieht. Auch hier hatte das Kollegium der Sekundarschule Hassel vor der Fortbildung bereits eigene Erfahrungen gesammelt: Um den Förderbedarf zu ermitteln, kommen im Verlauf des Jahrgangs 5 unterschiedliche Diagnoseinstrumente zum Einsatz, beispielsweise der "Duisburger Sprachstandtest". Der Test soll dabei helfen, zu Beginn der Sekundarstufe I die neu aufgenommenen Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihrer Sprachfähigkeit in Deutsch einzuschätzen. Je nach Abschneiden bei den Tests und den ermittelten Förderbedarfen erhalten die Kinder passgenaue Förderangebote. Doch dabei bleibt die Fortbildung nicht stehen: Im Modul wird ein Überblick über Diagnosebereiche und Instrumente vermittelt und ein Einstieg in den Diagnosezyklus ermöglicht. Wie in der gesamten Fortbildung wird auch an der eigenen Unterrichtspraxis gearbeitet, sodass das Gelernte direkt umgesetzt werden kann. Bereits hier findet eine Anbindung an die Fächer statt. Moderator Gerd Seifert sieht in guten Diagnoseinstrumenten einen Schlüssel für den Umgang mit Vielfalt: "Sie ermöglichen  den Lehrkräften, unterschiedliche Lernausgangsvoraussetzungen überhaupt erfassen zu können." Dazu gehört auch die Berücksichtigung der Schülerperspektive:  Schülerselbsteinschätzungsbögen, Lerntagebücher und Reflexionsgespräche mit Schülerinnen und Schülern leisten hier gute Dienste.

Unterricht systematisch weiterentwickeln

Den letzten beiden Modulen der Fortbildung sieht das Kollegium der Sekundarschule Hassel mit großem Interesse entgegen: Jedem Kind beziehungsweise jedem Jugendlichen in einer Klasse so gerecht zu werden, dass sich ihre Potenziale individuell entfalten können, ist eine komplexe Aufgabe. Wie diese bewältigt werden kann, steht im Zentrum der beiden Didaktik-Module, dem "Herzstück" der Fortbildung. Hier geht es darum, den Unterricht systematisch weiterzuentwickeln, selbstgesteuertes Lernen zu fokussieren und die dafür notwendigen Lernstrategien bei den Schülerinnen und Schülern aufzubauen.  Die einzelnen Bausteine haben fachübergreifende wie auch fachspezifische Anteile. Schwerpunktmäßig wird in Fachgruppen (Deutsch, Englisch und Mathematik) gearbeitet, sodass Unterrichtsmaterialien passgenau und bedarfsorientiert erstellt werden können. Ansätze, die im Diagnostik-Modul schon eingeführt wurden (beispielsweise Lernlandkarten), werden wieder aufgenommen, neue Schwerpunkte werden gesetzt. Über die Grundlagen des selbstgesteuerten Lernens hinaus sind dies: Lerncoaching, Prinzipien und Konstruktion differenzierender Aufgaben, Lerndokumentation, Leistungsbeurteilung und Kooperatives Lernen.

Für Fortbildungsmoderator Gerd Seifert liegt hier der besondere Wert des Projektes "Vielfalt fördern": "Der Erfolg der Qualifizierung basiert darauf, dass nicht alles am grünen Tisch stattfindet. Die Themen, die wir behandeln, können unmittelbar im Unterricht angewendet und erprobt werden." Nach Überzeugung von Seifert müsste das Projekt "Vielfalt fördern" auch dann noch auf der "Menükarte der Fortbildungsangebote" stehen, wenn die erste Phase der Lehrerausbildung irgendwann einmal besser auf das Thema Heterogenität im Unterricht vorbereitet. Der Umgang mit diesem Thema setze nämlich viel an unterrichtspraktischer Erfahrung voraus. Moderatorin Almut Jermann ergänzt, dass "Vielfalt fördern" außerdem weit über die reine Fortbildung einzelner Lehrkräfte hinausgehe: "Das Projekt ist zugleich auch Schulentwicklung und Schulorganisation. Was es neben der Lehrerqualifizierung also auch braucht, sind Umstrukturierungen und neue Formen der Organisation und Personalentwicklung. Dabei helfen wir - damit Schule gelingt."

 



Weitere Informationen zum Fortbildungsangebot "Vielfalt fördern" im Internet unter www.vielfalt-fördern.nrw.de

Erschienen in Schule NRW/09-14, Seiten 410 - 414, Ritterbach Verlag


 

Seit dem Schuljahr 2012/2013 wird die Fortbildung für Schulen der Sekundarstufe I in den fünf Pilotregionen Bonn, Borken, Düsseldorf, Gütersloh und Hamm angeboten. Die Bezirksregierungen haben die Erprobung im folgenden Jahr auf fünf weitere Kreise und Städte ausgeweitet: Seit Beginn des Schuljahres 2013/2014 nehmen Schulen aus dem Hochsauerlandkreis, der Stadt Bielefeld, dem Kreis Kleve, dem Oberbergischen Kreis und der Stadt Gelsenkirchen an der Fortbildung teil. In den inzwischen 18 Projektregionen in NRW können sich alle Schulen mit Sekundarstufe I (mit Ausnahme der Gymnasien) um eine Teilnahme an der Fortbildungsmaßnahme bewerben. Bezirksregierungen, Kompetenzteams und Regionale Bildungsbüros arbeiten in den Projektregionen zusammen.